Baikal – Buryatien – Mongolei

Ihr schönen Menschen,
wir dachten ihr hattet jetzt genug Zeit, um den letzten endlos langen Blogeintrag zu lesen und es wäre Zeit für einen Neuen

Transsib

Beim letzten Mal haben wir euch schon einen kleinen Einblick in die Welt der Transsibirischen Eisenbahn gegeben. Insgesamt sind wir sechs Nächte mit der russischen Bahn gefahren und haben dabei sehr interessante Erfahrungen gemacht. Nach drei Nächten 3. Klasse (sehr kommunikativ, sehr voll, sehr heiß, nach allem riechend, was Menschen so ausdünsten, bzw. zu sich nehmen), hatten wir später eine etwas entspanntere Fahrt von Jekaterinburg nach Irkutsk in der 2. Klasse. Die dritte Klasse ist ein offener Schlafwagen, mit einer Stockbettreihe am Fenster und zwei gegenüberliegenden Stockbettreihen auf der anderen Seite. Ca. 50 Personen schlafen in einem solchen offenen Wagen – ohne dass ein Fenster geöffnet werden kann. In der 2. Klasse gibt es 4er-Abteile und die Möglichkeit im Gang das Fenster zu öffnen! Hier war unsere Erfahrung, dass man auf wesentlich mehr Backpacker trifft. Ganze drei Nächte und zwei volle Tage sind wir von Jekaterinburg nach Irkutsk gefahren und haben mehrere Zeitzonen hinter uns gelassen.

Regelbefolgung

Die Russen sind ein sehr nettes Volk, wobei sie zu beginn sehr distanziert und oft etwas ruppig erscheinen. Man hat uns erklärt, dass in Russland 99,9 % der Menschen gut sind, die 0,1 % nicht so netten Menschen würde man in nur in Moskau finden. Unsere Ergänzung hierzu ist: «Und unter dem Personal der Transibirischen Eisenbahn». Es schien manchmal so, als müsste man einen schwierigen Schlechte-Laune-Test bestehen, um eingestellt werden zu können. Regelbefolgung ist sehr wichtig – egal wie sinnvoll die Regeln erscheinen. Vorschriften müssen befolgt und nicht hinterfragt werden und das gilt für das Personal und für alle Mitreisenden gleichermaßen. Wie kompliziert es ist die Räder in den Zug zu bekommen, hat Chris beim letzten Eintrag ja schon geschrieben. Ich habe noch ein weiteres Bespiel. An den meisten Bahnhöfen, an denen wir waren, mussten wir erst eine Gepäckkontrolle (wie man es vom Flughafen kennt) passieren, bevor wir zu den Gleisen kommen konnten. Das bedeutet alle Gepäcktaschen vom Fahrrad abzumachen, auf die Fliesbänder zu packen und auf der anderen Seite wieder aufzuladen, bevor man die Taschen am Gleis wieder abmachen und im Schlafwagen verpacken muss, während das Fahrrad in einem komplett anderen Abteil untergebracht wird (natürlich vollkommen verpackt und klein gemacht). Das ganze Prozedere kann aber nicht vorbereitet werden, da erst beim Einfahren des Zuges bekannt gegeben wird, an welchem Gleis der Zug einfährt… Ihr könnt euch den Stress und die Aufregung vorstellen, die wir jedesmal durchlaufen haben. In Jekaterinburg gab es dann eine Situation, die die sinnlose Regelbefolgung gut beschreibt. Um zu sehen, ob auch auf den Gleisen angezeigt wird wo welcher Zug ankommt, bin ich kurz vor Zugeinfahrt in die Gleisunterführung gelaufen, während Chris mit den Rädern in der Wartehalle wartete. Als ich zu ihm zurück gehen wollte (natürlich gab es in der Unterführung keine Anzeige), lies man mich von der Unterfühung nicht mehr in die Wartehalle. Chris stand 6 Meter von mir entfernt. Man wies mich an den Bahnhof zu verlassen. Ich musste also aus dem Bahnhof raus, um den eingezäunten Bahnhofsvorplatz herum, durch die Gepäckkontrolle hindurch, um wieder in die Wartehalle zu kommen. Fünf Minuten Fußweg für 6 Meter Distanz. Erklärungen meinerseits, dass ich nur zu meinem Mann und den Fahrrädern möchte, halfen da herzlich wenig. Das sind nur unbedeutende Alltagssituationen, aber auf Dauer würde mich genau das wahnsinnig machen.

Süßigkeiten und Google-Translator

Um so herzlicher und schöner waren die Begegnungen, die wir im Zug mit den Mitreisenden hatten. Wir wurden häufig mit Süßigkeiten versorgt und die Leute liesen sich gerne auf Gespräche mit uns ein, so schwierig diese aufgrund von fehlenden Sprachkenntnissen auch waren. Google-Translator war sehr hilfreich, falls Empfang für Internet vorhanden war.

Nächtlicher Fahrgastwechsel

Es passierte auch häufiger, dass wir am Abend eingeschlafen sind und am nächsten morgen lag jemand komplett Neues neben uns. In der einen Nacht verlies uns eine sehr nette ältere Dame und stattdessen stieg ein junger Mann in Begleitung einiger Polizisten ein, die ihm die Taschen trugen. Chris‘ erster Eindruck war, dass sie einen Strafgefangenen auf Freigang in den Zug bringen. Wie sich später herausstellte, war der neue Fahrgast jedoch ein Polizeioffizier und die anderen seine ehemaligen «Untergebenen». Wir verstanden uns auch mit ihm ganz gut, wenngleich wir wenig miteinander redeten.

Da wir viel nachtsüber fuhren sahen wir weniger, als man sich für eine Transsib-Reise wünschen würde. Was sich einprägte, waren die endlosen Birkenwälder, die gelegentlich von großen, sumpfigen Wiesenlandschaften unterbrochen wurden. Nach dem Ural, der mit seinen geschwungenen Hügelchen auf Höhe der Bahnstrecke beinahe unbemerkt vorbeizog, gab es in der sehr flachen westsibirischen Ebene auch einige große Rapsfelder. Auch weiter im Osten fanden wir diese, dazwischen einige Städte, wie Jekaterinburg, Novosibirsk, Krasnojarsk. Die meisten sahen wir nur in der Durchfahrt. Sie waren geprägt von riesigen Flüssen, von Industrie und Plattenbauten. Die Bahnhöfe, die wir je circa 30 Minuten erkunden konnten, waren fast ausschließlich mit einer alten Dampflok mit rotem Stern als Anschauungsstück oder Dekoration bestückt. Bis auf zwei bis drei Kioske am Bahnsteig fanden sich aber gegen jede Erwartung KEINE alten Damen, die Gebäck oder Obst feilboten. Dafür hatten wir auf unserer Fahrt von Moskau nach Jekaterinburg Essen gebucht, dass uns an den Platz gebracht wurde. Bei unserer 2.Klasse – Fahrt von Jekaterinburg nach Irkutsk wurde uns ebenfalls ein Essen serviert, welches im Preis inbegriffen war. Im Bord-Restaurant hätten wir mehr bestellen können, aber wir hatten uns in der Stadt noch gut mit Obst, Brot und Tütensuppen eingedeckt

Jekaterinburg – ein Tag voller Begegnungen

Jekaterinburg war ein Erlebnis für sich. Ich würde fast sagen, es war super unnötig, dass wir hier hielten. Wir hatten so viel Ärger mit dem Ausladen und Einladen der Räder, dass ich im Rückblick, gerne auf den Halt verzichtet hätte. Auf der anderen Seite, hätten wir auch mindestens zwei Erfahrungen verpasst, die sich uns einprägten:
a) Lass kein (scheinbares) Bahnhofspersonal dein Gepäck auch nur anfassen. Als wir nach Jekaterinburg einfuhren, packten wir unser Gepäck – zusammen mit vielen anderen – aus dem engen und vollen 3. Klasse Abteil zusammen und beförderten es nacheinander aufs Gleis. Während Chris die Taschen durch das Abteil beförderte, nahm Lisa sie auf dem Bahnsteig entgegen. Doch dort war sie nicht alleine. Zwei eifrige Russen in orangenen Warnwesten packten unsere Taschen ungefragt auf Gepäckwägen. Wir ließen es geschehen und freuten uns über den Service. Unsere Räder wurden ebenfalls – obwohl ich sie montieren wollte – kurzerhand auf einen Wagen gepackt. Dann fuhren sie schon in Richtung Treppe und Ausgang davon. Ich versuchte noch zu erfragen, ob es eine Gepäckunterbringung gab und ohne Auskunft wurden beide Wägen – mit meiner Hilfe – durch die Unterführung und auf den Bahnhofsvorplatz gebracht, bis hin zu einem Hostel. Dort angekommen empfing uns der Chef des Hostels, der uns erklärte, es würde 50 Dollar kosten, das gesamte Gepäck hier abzuladen. Er zählte gönnerhaft zwei Satteltaschen als eine und berechte damit seinen Preis. Es war absolut lächerlich. Wir sagten nein. Er schien damit okay, wir konnten ihm auf Englisch erklären, dass wir das nicht zahlen könnten. Dann verwieß er uns darauf, dass die Gepäck-Männer auch noch bezahlt werden müssten. Chris seufzte entnervt, da davon vorher keine Rede war. Er hatte vor ihnen gutes Trinkgeld zu geben, aber als sie ihren Preis genauso berechneten wie der Hostel-Typ, fielen Chris fast die Augen aus dem Kopf vor Entsetzen. Wir ließen den Hostel-Chef übersetzen, dass wir das nicht zahlen werden, dass wir nicht über Kosten informiert wurden. Die Gegenseite bestand darauf, dass sie ihre Kinder ernähren müsste. Während wir – von der näher kommenden Polizei und den harten Gesichtern der Männer um uns eingeschüchtert – versuchten ruhig zu bleiben und unseren kochenden Ärger unterdrückten, ließen sich die Porter um die Hälfte herunterhandeln, was uns immernoch schwer im Magen lag. Wir hatten ihre Hilfe weder erbeten noch aktiv in Anspruch genommen, uns wurden Kosten verheimlicht und nachher wurden wir ausgepresst. Wir wären vermutlich sogar schneller gewesen, hätten wir die Räder montiert und die Taschen angebracht. Wir hätten NICHT die schweren Gepäckwagen durch den Bahnhof manövrieren müssen. Und dann noch dafür 25 Euro bezahlen. Eine absolute Frechheit – und eine Lektion für uns und nun für euch: Lasst niemanden eure Taschen oder Räder nehmen ohne vorher die Konsequenzen zu kennen.

b) Die zweite nennenswerte Erfahrung, die wir in Jekaterinburg machten: Orthodoxe Christen hier haben eine teilweise verstörend andere Kultur, speziell was die Devotionalien angeht. Es gibt große Märkte, wo man allerlei Amulette, Kerzen, Schals und und und kaufen kann und die scheinbar eine große Bedeutung für die Gläubigen hier haben. Während wir direkt zu Gott beten, kommt den Heiligen hier eine unglaublich große Bedeutung zu. Dies erfuhren wir auch durch die Begegnung mit einer sehr sehr alten Frau vor einer Bäckerei. Sie begrüßte uns, von ihrem Tisch aufschauend, mit leuchtenden Augen, die Wärme und Liebe versprühten. Chris, den sie fixierte, da Lisa weiter weg bei den Rädern stand, verstand erst kein Wort und grüßte nur freundlich zurück. Dann fing sie plötzlich an mit ihm zu reden, zu ihm zu reden. Ein endloser Schwall russischer, warmer Worte ergoss sich über Chris bis er – als sie die Augen schloss – bemerkte, dass sie betete, ihn segnete. Chris war irritiert und von der Herzlichkeit der Alten überwältigt. Er versuchte, so gut er konnte, zu erwiedern, was die alte Frau ihm entgegen brachte. Dann verabschiedeten sie sich mit einer Umarmung und einem Kuss der Alten auf Chris Wange. Eine Familie, könnte man meinen. Als Chris aus der Bäckerei trat, drückte ihm die Christin ein kleine, dünne Kerze und einen handbeschriebenen Zettel in die Hand, auf den offenkundig Bibelverse, vermutlich ein Psalm, auf kyrillisch niedergeschrieben war. Chris konnte den Zettel tagelang nicht entziffern, die kyrillische Handschrift war ihm hierfür zu fremd. Doch diese absolut unerwartete Geste der Güte, des Glaubens, der Liebe und Segnung bewegten ihn tief.
Wir trafen die Dame auf dem Rückweg zum Bahnhof vor einem Supermarkt wieder, wo sich eine ähnliche Szene abspielte. Diesmal war Lisa direkt dabei und auch sie wurde – begrüßt mit den Worten «Mein liebes Kind» – gesegnet und beschenkt. Sie kramte Schokolade aus ihrer Tasche, die sie gerade gekauft haben musste. Dann legte sie – nach weiterem langen Kramen – jeweils eine unserer Hände auf eine Stelle der Tasche, hielt sie dort und betete mit geschlossenen Augen für uns. Vermutlich hatte sie ein Heiligen-Amulett in der Tasche, doch so fremd ich die hohe Bedeutung dieser Devotionalien und Heiligen empfand, so sehr beeindruckte mich doch die Leidenschaft und Zuversicht, mit der sie uns segnete. Einige Fußgänger starrten sie, bzw. uns an, wie wir da standen, die meisten ignorierten die Szene gänzlich. Vielleicht kam es aktuell vermehrt hierzu oder es war sogar normal. Wir besuchten vorher einen Markt mit Devotionalien der an einem Stadion messeähnlich aufgebaut war. Vielleicht war diese Begegnung, zumindest mit dieser alten Dame, aber auch einfach genauso einzigartig, wie wir sie erlebten.

Als wir dort standen, kam auch eine junge Frau aus dem Supermarkt und brachte der alten Dame, als hätte sie es bestellt, ein Eis. Sie bedankte sich und nahm es entgegen. Dann, als die junge Frau wegging, drückte sie es Lisa in die Hand – mit einem etwas schelmischen Lächeln. Die Leichtigkeit und Freiherzigkeit mit der sie uns begegnete, inspiriert uns auch jetzt noch und wir hoffen, sie auch für unser Leben und unseren Umgang mit Mitmenschen erlernen zu können.

Diese Erfahrungen, die negative wie auch die sehr positive, die wir hier machten, rechtfertigten auf die eine oder andere Weise den Aufwand, den wir mit unserem mehrstündigen Halt hier hatten. Hinzu kommt die Begegnung und das lange Gespräch mit dem jungen Soldaten Slawa, der uns vor dem Bahnhof ansprach. Wir leisteten ihm scheinbar in einer schwierigen Zeit Gesellschaft. Er dankte es uns, in dem er uns seine Waffenlizenz und sein Armeekit schenkte, das aus Kamm, Nähset und Tuch bestand. Er wollte uns auch noch Fotos seiner liebsten schenken, aber wir konnten ihn überzeugen, dass er wenigstens das selbst behalten sollte. Wir versuchten ihm auch die anderen Dinge zurück zu geben, aber er bestand darauf, dass wir sie behielten. Eines sei Beweis seines Vertrauens in uns, das andere Zeichen seiner Dankbarkeit und Freundschaft. Wir verstehen bis heute nicht, was es damit auf sich hatte, rechnen dem Akohol aber einen großen Teil dieser Entscheidungen zu. Ob er sich noch an uns erinnern würde, wenn wir seine Einladung nach St. Petersburg und zum Hundeschlitten fahren eines Tages annehmen würden?

Irkutsk – Ankommen in Asien

Wir besuchten in Jekaterinburg auch die «Kirche auf dem Blut», ein orthodoxer Prachtbau auf dem Ermordungsort der letzten Zarenfamilie Russlands, der Romanovs. Es wurde nochmal deutlich, wie verbandelt Kirche und Staat bis ins 20. Jahrhundert hier waren – und wir lasen einiges an Geschichte Russlands dazu. Doch dieser Besuch, die Sehenswürdigkeiten, die Fotos… das ist alles nicht, was unsere Reise ausmacht. Nein. Hier wurde wieder deutlich, dass es die Begegnungen mit Menschen sind, die uns am meisten prägen und aus denen wir am meisten Schöpfen… abgesehen vielleicht von unmittelbaren Not- und göttlichen Rettungserfahrungen, wie wir sie beispielsweise in Buryatien machen würden.

Der Angara teilt die Großstadt Irkutsk: Links das Zentrum, rechts der Bahnhof an dem wir ankamen.

Unsere Ankunft in Irkutsk war dann – nachdem Jekaterinburg zwar schon sehr chaotisch, aber noch einigermaßen sauber war – ein Ankommen auf einem anderen Kontinent, fast schon in einer anderen Welt. Völlig kaputter Asphalt, Autos und Busse stehen kreuz und quer vor dem Bahnhof, schwarzer Qualm auf den Straßen macht das Atmen schwer. Der Ölfilm, der in allen Farben des Regenbogens auf den Pfützen der regengetränkten Stadt schwamm, gab die nötigen Farbaktzente für das schmutz- und wolkengraue Stadtbild. Wir waren zwar bereits einiges an Stadtverkehr gewohnt aus Moskau und St. Petersburg, Tallin und Helsinki. Aber das Gewimmel dieser Straßen war unsere erste Begegnung mit asiatischen Verkehrsrelationen. Wir machten uns – Tipps eines WarmShowers Hosts in Irkutsk folgend – auf die Suche nach einem Bus in Richtung Baikalsee. Uns wurde empfohlen die Insel zu besuchen oder auf der Ostseite des Sees am Ufer zu radeln. Diese Rad-Reise-Tipps gingen zwar gegen mein Verständnis von Radreisen, da es eher etwas von Destinations-Urlaub hatte (Hinfahrt-Aufenthalt-Rückfahrt), doch wir ließen uns darauf ein. Schließlich fanden wir einen Bus, der am kommenden Morgen die Stadt verlassen und zur Fähre nach Olchon, der Insel im See, fahren würde. Da der WarmShowers-Gastgeber nicht zu Hause war nahmen wir das Dormitory des Marco-Polo-Hostels direkt am Busbahnhof für umgerechnet 7 Euro pro Person in Anspruch und machten uns tagsdrauf auf den Weg zur Insel. Die Räder passten demontiert gerade so in das Gepäckfach des Buses, nur Lisas Vorderlicht musste dran glauben – was aber zu verkraften war. Es wurde einfach mit Panzertape wieder angeklebt.

Fähre nach Olchon

Am Fährhafen angekommen hieß es plötzlich: Alle aussteigen, alles raus, auf der anderen Seite wieder in einen Bus. Wir dachten der Bus würde auf die Fähre fahren, aber da irrten wir. Natürlich war die Fähre mit unseren Mitreisenden abgefahren, bis wir unsere Räder aus dem Bus herausbuchsiert, montiert und bepackt hatten. Egal, dachten wir. Wir fahren die 40 Kilometer bis zum Inselstädtchen Khushir einfach mit dem Rad. Für uns trainierten Radler war das ja keine Strecke. Doch weit geirrt. Die Straßen der Insel haben den Namen Straße kaum verdient. Es sind reine Waschbrett-Pisten. Wir verließen sie alsbald, nicht zuletzt um den Staubwolken der vorbeirasenden Touri-Kleinbussen zu entkommen, die über die Pisten flitzten. Leider bermerkte ich zu spät, dass uns eine Nalgene-Flasche auf der Huckelpiste verloren ging. Auch das erneute 10 Kilometer hin und her abradeln der Strecke ließ sie nicht wieder auftauchen.

Flechtenwerk und Donnerschlag

Zu diesem Zeitpunkt war es bereits so spät, dass wir noch über einen Berg radelten, die Aussicht genossen und dann am Wasser zwischen Felsen, faszinierenden kleinen Pfanzenkolonien und Flechten unser Zelt aufschlugen. Gerade noch rechtzeitig bevor ein plötzliches Gewitter über uns hereinbrach. Donner rollte über uns hinweg und Blitze brannten sich gestochen scharf durch die Zeltwand lila in unsere Netzhäute. Es war wirklich furchterregend, besonders da es in diesem Teil der Insel keinerlei Deckung gab. Schicksalsergeben vertrauten wir also darauf, dass wir schon alles gut überleben würden.

Wilde Pferde und Waschbrettpisten

Am nächsten morgen weckte uns die heiße Sonne und eine kleine Pferdeherde begrüßte uns von der gegenüberliegenden Seite der Bucht her. Erstmal ins kühle Nass des Sees, gründlich waschen bevor wir gemütlich frühstückten. Wir beschlossen auf den kleinen Wegen zu bleiben und an der Küste entlang zu fahren. Wir hatten keine Ahnung, auf welche Gewaltstrecke wir uns da einließen. Jedenfalls brauchten wir noch eineinhalb Tage um in den Inselhauptort zu kommen. Hitze, Sonnenbrand, Schweiß, Staub, Berge, Waschbrettpisten und tausende kleine Fliegen und Mücken strapazierten unsere Nerven dermaßen, dass wir – als wir erstmal im Ort ankamen – einen Tag Pause brauchten, um wieder einigermaßen klar zu kommen. Hier konnten wir dann auch nach zwei Tagen das erste mal wieder richtig die schönen Aussichten genießen. Hier schmiedeten wir dann auch Pläne mit Florian, der uns mitteilte, dass er in die Mongolei kommen würde, allerdings bereits am 28. Juli. Wir planten zum 30. erst Russland zu verlassen. Jetzt mussten wir uns ranhalten.

Mit dem Schnellboot über den See

Neben den gemütlichen Café-Besuchen und Spaziergängen, versuchten wir auch die Fähre zu finden, die es laut Open-Street-Maps hier geben sollte und die uns auf die Ostseite des Sees bringen sollte. Bei unseren Recherchen mussten wir leider etwas zu spät feststellen, dass die Fähre bereits vor 2 Jahren abgebrannt war und nicht ersetzt wurde. Wir hätten nun entweder mit dem Rad oder Bus zurück nach Irkutsk und dann mit Zug und Rad gen Grenze fahren können. Doch wäre der Zug recht teuer und die Straße vermutlich stark befahren. Und wir wollten doch noch etwas mehr vom Baikalsee sehen. Schließlich fanden wir einen Reiseanbieter im Ort, der ein Schnellboot für uns und drei russische Studenten organisierte, das uns über den See bringen würde. Die drei Stunden Schnellboot ließ sich der neue Fährmann gut bezahlen und wir waren froh, dass die Räder, die an der Vorderrehling des Motorbootes «befestigt» waren, nicht in den Untiefen des größten Süßwasserressorts der Welt versanken. Fast ließen wir uns dazu hinreißen, mit einem Hostel-Betreiber in Ust-Barguzin zu fahren, um die heißen Quellen und den Nationalpark zu erkunden, doch bestand Lisa darauf, dass wir losfuhren, um rechtzeitig nach Ulan Bator zu kommen, um Flo zu treffen.

Weg nach Ulan-Ude

Die Straße, die in Südwestrichtung am See entlang führte und uns nach Ulan-Ude, der Hauptstadt der autonomen Region Buryatien, bringen sollte, war zu Beginn noch geteert und gut befahrbar… Wie es uns der Irkutsker WarmShowers Host beschrieb. Dann kamen wir jedoch nach etwa 25 Kilometern in eine ebensolange Baustelle. Staub, Schotter, Maschinen, Waschbrettpiste und viiiiel Verkehr ließen unsere Nerven als bald wieder blank liegen und so suchten wir uns am Ende der Baustelle einen Schlafplatz. Dummerweise standen wir hier angeblich auf «Privatgrund der Universität» (???) und ein Sicherheitsdienst verwieß uns von dem Schönen Strandufer des Sees ein paar Hundert Meter zurück zur Straße, wo wir «jenseits des Schlagbaumes» zelten konnten wie wir wollten. Wären wir nicht so hundemüde gewesen und früh ins Bett gegangen, hätten uns die Mücken wohl in den Wahnsinn getrieben.

Sinnkrise

An diesem Punkt – durch die Überfahrt um einiges ärmer, von der Straßenbeschaffenheit und den leider etwas ärmlichen Aussichten enttäuscht sowie völlig erschöpft begann Chris stark an der Sinnhaftigkeit der Reise zu zweifeln. Hätte sich die Straßensituation in den folgenden Tagen nicht verbessert und hätte unser Freund Jannik uns nicht überzeugt, die Räder noch bis nach Südostasien zu bringen, dann hätten wir uns wahrscheinlich dazu entschieden, die Räder loszuwerden und mit dem Backpack weiterzuziehen. Tatsächlich wurde die Fahrt am See und dann ins Landesinnere, nach Ulan-Ude und weiter gen Grenze so schön, dass wir wieder vom Radfahren überzeugt wurden. Die Landschaft wurde immer wilder, die Straßen waren moderat befahren und es gab auch ausreichend Gelegenheiten unsere Wasservorräte aufzufüllen ohne den Notfall-Filter zu verwenden, den wir auf der Insel noch nutzten um das Seewasser aufgrund der am Ufer graßenden Viehherden zu filtern.

Schöne Begegnungen und Geschenke

Einmal lud Chris eine Rasthaus-Besitzerin sogar hinter die Küche ein, um unseren Wasserkanister dort mit dem «guten Brunnenwasser» aufzufüllen, das tatsächlich schön klar war, schmeckte und gut bekam. Sie klärte uns auf Russisch auch über die Bedeutung der buddhistischen Steinhaufen, vielfach umwickelten Pfosten und Gebetsfahnen auf. Angeblich sollte es Glück bringen, die Haufen zu umrunden und entweder Geld dort hinzulegen oder eine Fahne dort anzubringen. Da sie uns noch eine gute Reise wünschte und uns hinterherwinkte tat ich (Chris) ihr den Gefallen, umrudete die kleine Kultstätte und ließ ein paar Rubel fallen, von denen ich ohnehin zu viele in Metallform mit mir herumfuhr.

Lenindenkmal in Ulan-Ude, Buryatien, Russland.

Auch in Ulan-Ude und danach hatten wir noch schöne Begegnungen mit Menschen, die uns auf unseren Räder ansprachen, manchmal sogar etwas deutsch hervorbrachten, uns mit Coca-Cola oder Süßigkeiten beschenkten und uns eine gute Reise wünschten. So auch eine Gruppe mongolischer Touristen, die uns auf dem Pass nach Ulan-Ude umzingelten, Fotos knipsten, Kinder wie Erwachsene unsere Räder beschauten und befühlten. Am Ende kam eines der Kinder mit einer offenen Tüte Brotchips, die wir erst skeptisch, dann genüßlich verspeisten. Wir trafen noch mehr Mongolen, auf Fahrrädern und in Bussen, und kamen nach und nach zu der Erkenntnis, dass die Mongolen ein superfreundliches Völkchen sind. Bis sie uns schließlich verschleppten.

Wegrandschönheiten

Gute Aussichten, schlaflose Nacht

Wir erklommen, nach einem Einkauf in einem kleinen Industriestädtchen an einem großen See zwischen Ulan-Ude und Grenze gerade einen Berg, als uns eine Gruppe mongolischer Radfahrer entgegenkam. Wir unterhielten uns eine Weile angeregt und immer mehr Radler in Warnwesten und Sporttrikots gesellten sich hinzu. Sie schossen, scheinbar beeindruckt, ein paar Selfies mit uns und zogen dann weiter. Wir fuhren noch auf die Bergkuppe zu einem Aussichtspunkt und schlugen unser Lager dort auf. Diesmal ohne Zelt.

Das Wetter sah stabil aus, klar und es gab eine kleine überdachte Picknick-Hütte, auf deren Tische wir uns – nach einer gründlichen Katzenwäsche und einem guten Essen – in unsere Schlafsäcke legten. Kaum das wir lagen begann das Desaster: Erst schnappte sich ein wilder Hund unsere Mülltüte und verteilte sie im Wald, dann setzte unvermittelt heftiger Regen und Gewitter ein. Erst mussten wir feststellen, dass der Regen nicht vertikal, sondern horizontal zu «fallen» schien, dann obendrein, dass das Dach undicht war. Als nächstes mussten wir feststellen, dass wir in unserem Fliegennetz unzählige winzige Mücken hatten, die sich in Haaren und Kleidung verfingen, dann, dass die Plastiktüten, mit denen wir unsere Räder bis dahin verpackten und in denen unsere Schlafsäcke nun steckten, das Wasser eher sammelten als abhielten. Gegen fünf Uhr morgens, bereits im Morgenlicht, bauten wir nach einer Nacht ohne Schlaf doch noch unser Zelt auf und legten uns in unseren feuchten Schlafsäcken hinein, bis uns die Hitze um kurz vor neun Uhr wieder herausscheuchte. Wir beschlossen noch einige Kilometer zu fahren, bevor wir versuchen würden, an die Grenze zu trampen. Wir waren inzwischen etwas spät dran und würden mit den Rädern alleine Ulan Bator nicht vor Flo erreichen. Die Fahrt an diesem Tag war trotz der kurzen, strapaziösen Nacht wieder sehr schön, doch das Trampen – von dem uns berichtet wurde, es wäre so easy hier, selbst mit Rad – war bis zum Abend stundenlang erfolglos. Wir unterhielten uns gerade mit ein paar Russen, die wegen uns an den kleinen Pausenplatz gehalten hatten, an dem wir es erneut versuchten. Sie konnten uns zwar nicht mitnehmen, unterhielten sich auf russisch jedoch eine Weile mit uns – oder versuchten es. Dann kam ein großer Reisebus aus der Mongolei auf den Schotterplatz gefahren. Die Russen schickten uns zu ihnen und wir verabschiedeten uns. Noch bevor wir am Bus ankamen wurden wir von Mongolen eingekreist, die mit ihren Handys Fotos von und Selfies mit uns machten. Wir lachten amüsiert zusammen und obgleich lediglich eine der anwesenden etwas Russisch sprach, konnten wir verständlich machen, von wo wir kamen, wie wir reisten und wohin wir wollten – sowie bis wann. Auf russisch ungefähr so: «Morgen – Ulan Bator. Freund. Reisen mit Rad bis morgen: Unmöglich.»
Anscheinend verstand man uns. Jedenfalls wurden kurzerhand unsere Taschen abgenommen und in den Bus getragen und unsere Räder landeten hintereinander im Gang des Reisebusses. Man würde uns bis an die Grenze mitnehmen, übersetzte die Dame mittleren Alters, die Auskunft des Busfahrers ins Russische. Es wurde eine heitere Fahrt mit Kwas, dem russischen Brotgetränk, und allerlei Snacks, unverständlichen Späßen mit oder über uns (wer weiß das schon?) und vielen Fotos von und mit uns.

Kürzester Hotelaufenthalt der Reise

An der Grenze wieß man uns an, diese mit dem Rad zu überqueren. Chris verstand nur soviel, dass es auf der anderen Seite einen Bus geben würde. Und dass die Fahrt nach Ulan-Bator uns circa 30 Euro kosten würde. Egal, wir wollten erstmal auf die andere Seite. Am Grenzposten schickte uns ein Wächter wieder zurück. Die Grenze müsse mit einem Fahrzeug überquert werden, so die Vorschrift. Der Busfahrer bekam das mit und organisierte uns in einem Kleintransporter eine Überfahrt. Nun verstand ich auch, dass der Bus uns auf der anderen Seite wieder aufsammeln würde.
Nachdem wir etwa 3 Stunden brauchten um auf die andere Seite der Grenze zu kommen, wir einen Stempel im Pass hatten und der Fahrer uns in den Grenzort Altanbulag auf der mongolischen Seite fuhr, sagte er uns, der Bus sei bereits weg. Also lieferte er uns bei einem Hotel ab. Wir gaben uns damit zufrieden, zahlten die etwa 3 Euro Überfahrt pro Person und checkten für ebenfalls 3 Euro pro Person in ein lausiges Motel ein, in dem wir die Bettwäsche extra verlangen mussten. Wir waren gerade dabei uns Bett fertig zu machen, nachdem wir erfolglos ein Badezimmer suchten, da hämmerte es an die Zimmertür und unser «Schlepper» über die Grenze stand mit einem Mann aus dem Bus vor unserer Zimmertür. Wir verstanden nur, dass der Bus da war und ob wir nun mitfahren würden. Völlig verwirrt, kaputt und überfordert, lehnten wir – eher passiv als aktiv – ab. Dann ging ich runter und vor die Tür um die Situation zu verstehen. Dort stand der Reisebus. Und die Passagiere. Vor unserem Hotel. Und alle warteten auf uns. What the Fuck?! Ich entschied innerhalb weniger Sekunden, dass wir es nicht bringen konnten, die anderen ohne uns fahren zu lassen. Schließlich schienen sich die Fahrgäste beim Busfahrer dafür eingesetzt zu haben, uns – «wie versprochen» – mitzunehmen. Und scheinbar warteten sie schon einige Zeit auf uns. Und suchten uns.

Von Mongolen liebevoll verschleppt

Ich holte Lisa und zusammen mit einigen Männern und Frauen aus dem Bus wurden Gepäck, Räder und sogar drei Viertel des bezahlten Betrages wieder zurück in den Bus und zu mir geholt. In mehrfacher Hinsicht völlig geplättet saßen wir nun nebeneinander in einem Bus voller Mongolen, unsere Taschen unauffindbar, unsere Räder weiter hinten im Bus zwischen den Sitzreihen. Mit einigen unserer Spanngurte wurden die Räder notdürftig fixiert, doch Lenker und Sattel mussten die Passagiere unweigerlich in Sitzkomfort und Bewegungsfreiheit beeinträchtigen. Uns war die ganze Situation super unangenehm, doch wir waren auch froh, dass wir uns keine weiteren Gedanken machen müssten, wie wir nun nach Ulan-Bator kämen. Es kam zu mehreren Pinkelpausen in denen alle über unsere Räder oder daran vorbei steigen mussten, um die einzige Tür vorne im Bus zu erreichen und obendrein übergab sich eine Frau, durch gequälte Schreie angekündigt, mitten in der Nacht im Bus. Alle mussten raus, weil sich sonst durch den Gestank sicher noch ein paar zum mit-kotzen animiert gefühlt hätten. Nach ein paar Minuten konnte es allerdings weitergehen. Wir dösten nur etwas in dieser Nacht. Mehr Ruhe fanden wir nicht in dem schaukelnden und schüttelndem Bus, der sich auf Dreckpisten von Nord nach Süd durch Matsch und Regen kämpfte. Gegen sieben Uhr am Morgen erreichten wir Ulan Bator. Ein paar Leute halfen uns mit Rädern und Gepäck, ein paar Leute verabschiedeten sich von uns. Der Rest verschwand ziemlich schnell und leise. Und mit einem mal standen wir da. Alleine am Straßenrand in der einzigen großen Stadt dieses Landes.

Leckeres Frühstückbuffet nach drei Tagen ohne Schlaf

Zwar hatte noch kein einziger Laden geöffnet, doch der Verkehr war schon in vollem Gang. Wir suchten einige Zeit erfolglos entlang der Hauptverkehrsachse der Stadt nach Supermärkten und Cafés die geöffnet waren. Hier beginnt das Geschäftsleben scheinbar erst frühstens um 10 Uhr. Einzig in einem Hotel konnten wir schließlich ein Frühstück ergattern. Wir traten an die Rezeption und fragten, ob wir uns in das Hotelrestaurant setzen und ein Frühstück kaufen könnten. Freundlich empfangen genossen wir schließlich für umgerechnet 1,66 Euro pro Person ein all-you-can-eat Frühstück mit Obst, Käse, Eiern, Brot, Müsli, Säften, Tees und Kaffee. Wow! Beim Hinausgehen erkundigte ich mich aus Neugier nach den Zimmerpreisen. Die hatten es dagegen in sich: 65 € pro Nacht für ein Doppelzimmer. Alles scheint also nicht so billig zu sein.

Beim verrrückten Zeltmacher

Die Passivhaus-Piratenfestung von Froit und seiner mongolischen Familie

Zum Glück brauchten wir kein Zimmer, hatten wir doch bereits im Vorfeld Kontakt mit Froit aufgenommen, den wir über WarmShowers ausfindig machten. Auf seinem Grundstück könnten wir unser Zelt aufschlagen. Als wir gegen Mittag schließlich bei ihm ankamen, fanden wir dort nicht nur Froit, den liebenswerten Niederländer mit seiner Frau vor, sondern auch noch ein kolumbianisches Pärchen, das seit einigen Tagen ebenfalls hier war. Leonardo und Diana haben in Kolumbien alles aufgelöst und sind nun bereits seit zwei Jahren mit dem Rad unterwegs. Pavel aus Moskau hatte uns bereits von ihnen erzählt und so hatten wir direkt einen gemeinsamen Freund. Überhaupt haben wir hier bei Froit einige interessante Radreisende aus vielen Ländern kennen gelernt. Bei Froit und seiner mongolischen Frau ist während des Sommers immer ziemlich viel los. Froit macht Zelte – Zirkuszelte, Jurten, Jurtenartige Zelte. Er verkauft und vermietet sie. Manchmal ist so viel zu tun, dass er gut Hilfe gebrauchen kann und da kommen ein paar Fahrradtouristen gerade recht 🙂 . Da das Wetter in Ulan-Bator recht durchwachsen, eher regnerisch war, packten wir unsere Schlafsäcke und Isomatten in der Werkstatt über dem Haus aus. Froit wohnt mit seiner Frau in dem einzigen Passiv-Haus Ulan-Bators, welches er selbst gebaut hat. Er hat eine sehr bewegte Vergangenheit von der er uns ab und zu erzählt.

Wir schliefen und arbeiteten in der Werkstatt über dem Haus…
welches sich im Stadtzentrum zwischen Hochhäusern und Yurten im Gandam-Viertel befindet – ohne Wasser- und Abwasseranschluss.

Große Wiedersehensfreude

Am nächsten morgen stieß Flo zu uns. Die Freude ihn wieder zu sehen war, wie ihr euch vorstellen könnt, sehr groß! Am gleichen Morgen hatte Flo über Couchsurfing eine Reise zum Sheepfestival Nahe Ulan-Bators gefunden und wir machten uns recht bald mit einer jungen Hauptstadt-Mongolin – Luna – auf den Weg auf’s Land. Auf dem Weg nach Westen, hinaus aus der Stadt, mussten wir kurz an einem großen Supermarkt halten, um einen Guide zur etwas versteckten Eventlocation zu treffen. Besagter Supermarkt (Nomin) war für uns drei eine riesige Überraschung. Wie viele andere Märkte der Stadt ist er voll mit deutschen Produkten, vor allem günstige Supermarkt-Eigenmarken wie Gut&Günstig. Schokoladen, Spaghetti, Spüli… Hier gibt es wirklich alles! Und das auch noch zu deutschen Preisen, was sich wahrscheinlich durch die wegfallende Mehrwert-Steuer und niedrige bis keine Einfuhrzölle ermöglicht. Wir packten ein paar Snacks ein, um – als Vegetarier-Trio – auf das absehbare Fleischfest vorbereitet zu sein. Als Guide und Fernsehteam (oha!) dann vollständig versammelt waren, ging es weiter gen Westen, dann links über wilde Pisten nach Süden über Berge, an Militäranlagen der UN und vielen Gers (Yurten) vorbei bis zum Fluß Tuul, der aus der Stadt herausfließt.

Sheepfestival

Als wir ankamen, wurden wir mit Airag (vergorener Stutenmilch) begrüßt, das uns später noch öfter gereicht werden würde. Danach wurden wir zu den Kochöfen geführt, wo wir den mongolisch traditionell in Deels gehüllte Frauen, beim Tee und Essen kochen zusehen konnten. Befeuert wurde mit Holz und dem ausreichend zur Verfügung stehenden getrocknetem Kuhdung. Es gab „Wodka“ (aus vergorener Milch destilliert), Süßigkeiten aus getrockneter Milch, Khushuur (frittierte Teigtaschen mit Schafsfleisch gefüllt – erinnern stark an Empanadas). Als leckeren Festschmaus gab es Khorkhog. Das Ziegenfleisch wird in einen großen Milchkessel gegeben und gemeinsam mit etwas Gemüse gekocht. Dazu wird der Kessel auf einem mit Holz und getrocknetem Dung befeuerten Ofen gestellt. Im Ofen werden zudem Steine im Feuer erhitzt, die später in den Sud gegeben werden. Wir sahen eine ausgenommene Ziege, die schlaff am Boden neben den Töpfen lag. Sie wurde später noch mit Fleisch, Gemüse und im Dung-Feuer erhitzten Steinen gefüllt, zugeschnürt und somit von innen gegart, während man von außen das Tier flambierte. Ein außergewöhnlich abartiger Anblick, wie danach mit Schöpfkellen aus der – Beine und Kopf von sich streckenden – Ziege geschöpft wurde.

Die Steine werden zudem aus dem Tier genommen und als Handwärmer herumgereicht – das soll sehr gesund sein. Dieses besondere Festessen nennt sich Bodog. Wir sahen Wolle, die in große Flächen gefilzt wurde. Sahen Musiker und Sängerin, Tänzerin, Käseherstellung und wir tranken Tee – der aus Milch und Fleisch bestand, also eigentlich Suppe war. Alles war in wundervollste Steppe gehüllt. Schafsherden zogen umher und Jurten zierten die weite Ebene, die ringsum von Bergen gesäumt waren. Reiter preschten durch den Fluss, andere führten Ziegen und Schafe hierher. Die Wettspiele begannen: Kot aufsammeln mit Gabeln und Körben (Flo gewann!), Knochen-Wurfspiele, an denen Lisa teilnahm, und Schafsfang mit Beautycontest – den insgeheim Chris gewann. Während der Rückfahrt blieben wir mehrmals stecken und schoben den Karren aus dem Dreck.

Pausetag in UB-City

Verrückter Straßenverkehr

Nach einem Tag Pause bei Froit, wo wir ein wenig im Haushalt und bei Bastelarbeiten anpackten, ging es dann für fünf Tage in die Zentralmongolei mit einem japanischen Kleinbus. Hierzu vielleicht ganz kurz: in der Mongolei ist wie in Deutschland Rechtsverkehr. Dennoch haben ca. die Hälfte der größtenteils aus Japan importieren Fahrzeuge das Lenkrad auf der rechten Seite. Dies führt gerade in der Stadt häufig zu Unfällen. Insbesonders der Prius Hybrid dominiert das Straßenbild. Er ist wegen der Zollfreiheit sehr günstig und beliebt. Fährt man auf dem Land jedoch Offroad so macht es bei dem Netz an mäandrierenden Pisten keinen Unterschied, ob das Lenkrad rechts oder links ist.

5-Tages-Tour in die Zentralmongolei

Der Weg führte uns erneut Richtung Westen aus der Stadt heraus. Für nur ca. 450 km brauchten wir den ganzen Tag und erreichten am Abend nicht einmal ganz die erste Sehenswürdigkeit unserer Reise. Dafür übernachteten wir mit unserem Zelt hinter der Jurte der Schwiegermutter unseres Guides Onol. Umzingelt von Yaks, die auch Nachts noch ihr knurrend-knatterndes Muhen von sich gaben verbrachten wir die erste Nacht zu dritt in unserem kleinen Zelt. Am nächsten morgen ging es zum Orkhon-Wasserfall. Für die 20 Pistenkilometer über Hügel und flache Flüsse brauchten wir noch einmal ganze zwei Stunden.

Yaks in den Ebenen des Orkhon Tals
Wenn Flo nicht im Wasser stand, um die Tiefe zu testen, dann holte er das Beste aus seinen Kameras.
Flo hat es mit der Kamera echt drauf. So ein schönes Portraitfoto hatte Chris noch nie von sich 😉

Klosterbesuch und mobiles Karaoke

Am späten Nachmittag machten wir uns auf zu einem buddistischen Kloster in den Bergen – Tuvkhuniy-Khiid, welches wir am nächsten Morgen besuchten. Nicht ganz ohne Hindernisse, denn am Abend gesellte sich eine Gruppe junger Mongolen aus Ulan-Bator zu uns und stellte ihr Zelt neben unserem auf. Flo, Chris und Onol wurden zum kleinen Lagerfeuer eingeladen, während Lisa schon ins Zelt gekrochen ist. Sie tranken viel Wodka und sangen aus vollem Hals in ein mobiles Karaokegerät.

Campingküche in der Fliegenhölle. Zum Glück hat Lisa alle Fliegen unter ihrem Fliegennetz gefangen 😉

Die Kopfschmerzen am nächsten Tag waren vorprogrammiert. Der Aufstieg ins Kloster, das von schönem, blumenreichen Wald umgeben war, gelang dennoch und die kurze Kletterpartie zum Gipfel machte den Jungs große Freude.

Die meisten der guten Fotos sind von Flo, aber ich (Chris) hab auch ein paar hübsche Schnappschüsse hinbekommen 🙂 Der folgende Cowboy zum Beispiel:
Western im Osten 😉

Sagenumwobene Hauptstadt

Nach dem Kloster ging es weiter in die frühere Hauptstadt Karakorum. Nun gut – von dieser ist eigentlich nichts mehr übrig. Sie wurde im 13ten Jahrhundert von Chingghis Khan gegründet, von Ögedei ausgebaut, von Handwerkern, Händlern und Gläubigen unterschiedlichster Art und Herkunft belebt, bis sie 1338 von den chinesischen Truppen zerstört wurde. Übrig ist bis heute die mit unzähligen Stupas ummauerte Tempelanlage Edene Zuu, die im 16. Und 17. Jahrhundert aus den Trümmern der Stadt errichtet wurde. Wir hatten etwas Zeit, uns hier umzusehen – nur leider zu spät um noch in den eigentlichen Tempel hineingelassen zu werden. Dennoch war es interessant die gläubigen Besucher zu beobachten, die mit Kniefällen, dem Drehen an Gebetstrommeln und Räuchern von Kräutern beteten.

Fotomodells vor dem Kloster in traditioneller Festtagskleidung

Wüstensand und Sternenhimmel

Nach gebratenem Reis mit Gemüse sowie vegetarischen Khushuur, gefüllt mit Kraut oder Kartoffelpüree, die uns Onol noch organisierte, brachen wir wieder auf. Wir kamen an dem Tag noch bis zur „Mini-Gobi“ die eigentlich Mongol Els heißt. Onol steuerte die Gers einer ihm bekannten Familie an, doch – angefixt von seinem Vorschlag in den Dünen zu schlafen – packten wir unser Zelt und zogen ein paar Hundert Meter in den Sand hinein. Zwar windete es später extrem und wir hatten etwas Angst um das Zelt, doch es war auch magisch, den Klaren Himmel über der Wüste zu sehen. Sicher gibt es noch bessere Spots als den schmalen Wüstenstreifen um die Sterne zu betrachten, aber Flos Langzeitbelichtungen von hier gefallen uns schon sehr! 😉

nächtliches Zeltaufstellen im angehenden Mini-Sandsturm, passend zur Mini Gobi

Meins – Deins – das sind doch bürgerliche Kategorien

Tagsdrauf ritten wir mit den Pferden, die der Vater der Familie, bei der Onol übernachtete, zusammen mit seinem Sohn einfingen. Im Trab ging es etwa 2 Stunden an der Wüste entlang in eine dürre Steppe und weiter in die Berge, wo wir ein Kloster besichtigten, bevor wir zurückritten. Nun etwas holpriger und schneller.

Zurück bei den Yurten aßen und spielten wir noch eine Weile mit den Kids, die dort umhertobten und die es scheinbar sehr genossen, Leute zu haben, die sich mit ihnen beschäftigten. Und es ist wirklich witzig, wie es sich immer wieder bestätigt: Was Essen angeht kennen die Mongolen scheinbar kein Eigentum. Erwachsene wie Kinder bedienen sich einfach an unserem Essen, unserem Wasser oder anderen Getränken. Da wird nicht gefragt und nicht gedankt. Uns ist das erstmal sehr aufgestoßen, aber inzwischen kommen wir ganz gut damit klar. Wenn man verstanden hat, dass das hier normal ist und man sich auch selbst am Essen der anderen bedienen kann, dann ist es auch okay. (Außer man findet es – wie Chris – sehr ekelhaft mit verschiedensten Leuten aus einer – vor allem aus Seiner – Flasche zu trinken…) Jedenfalls bedienten sich die Kinder an unserem Trockenobst und fanden das zähe Zeug super witzig. Danach tobten wir eine Weile, bevor wir – oder zumindest Chris – schweißnass vom Kinder-Schleudern – in den Van und fuhren weiter, zurück gen Osten.

Wilde Pferde

An der Grenze des Khustain Nuruu Parks, in dem man aufgrund des Aussterbens der Wildpferde 1993 Przewalski Pferde aussetzte, schlugen wir unser Zelt auf und genossen im Ger-Camp nebenan die erste Dusche seit Tagen. Zusammen mit einem guten Essen waren wir danach wieder halbwegs hergestellt und genossen die ruhige Nacht auf den tierlosen Wiesen. Tagsdrauf fuhren wir in den Park, doch Pferde sahen wir erst auf dem Rückweg – und nur durchs Fernglas als braune Tupfen vor dem graubraunen Fels der Bergwände. Dafür machte Flo eine hübsche Foto-Session draus und so ging es – auch ohne Pferde, von denen es ja aber sowieso genug zu sehen gibt auf dem Land – gut gelaunt wieder zurück nach Ulan Bator.

An dieser Stelle nochmal Danke an Flo für die vielen tollen Fotos!

Vor den Toren der Stadt schauten wir dann noch auf dem Nadaam Fest der Mongolian Railway Company vorbei. Dort sahen wir den traditionell halbnackt ringenden Kämpfer bei ihrem wortwörtlich sehr lang-weiligem Wrestling zu. Dann organisiert Onol zusammen mit seiner Frau, die wir hier kennenlernten, einige Khushuur, leider nicht vegetarisch. Flo und Chris genehmigten sich ausnahmsweise etwas von dem in Teig fritiertem Hammelfleisch, das ihnen jedoch schwer im Magen lag. Wir erkundigten uns nach den weiteren Aktivitäten hier, denn traditionell gehörte zum Nadaam neben dem Wrestling auch Bogenschießen und Wettreiten.

Lahmes Pferde, tapferer Reiter

Bogenschießen hatten wir verpasst, doch angeblich wurden gerade die Pferde zur Startlinie gebracht. Also gingen wir zu den Tribünen. Dummerweise sagte uns niemand, dass die Startlinie des gut besuchten Pferderennens in 26 Kilometer Entfernung war. Nachdem wir einige Zeit die Staubwolken im Westen beobachteten kamen wir zum Schluss, dass dort Autos fuhren. Und dass die sich weg bewegten… Wir mussten nun also warten bis Pferde und Jockeys (welche hier 5-10 jährige Kinder sind) erst zur Linie gefahren wurden und dann wieder in Sichtweite zurückgeritten kamen. Eine recht eintönige Sache. Immerhin wurde uns alle paar Minuten Eis aus Bauchläden verkauft und so hielten wir es in der heißen Nachmittagssonne gerade noch aus. Nach dem ersten Reiter, der durch die Zielmeile preschte, kamen einige schon recht Müde an. Der vierte Junge den wir sahen stieg auf unserer Höhe von seinem plötzlich streikendem Pferd führte es am Zügel weiter ins Ziel – wobei er von drei anderen überholt wurde. Tapferer Junge!

Wir zogen – nach dem einige Reiter angekommen waren und unabsehbar war, wieviele da noch kämen – noch eine Weile über das Festgelände, wo zwischen Essens- und Messeständen, Yurten und Ringkampfarena, Hüpfburgen und Plastik-Karussells auch eine Vielzahl von Bingo und anderen Glücksspielständen zu finden waren. Letztere waren stark frequentiert und der interessanteste Anblick des Festes. Hier war all der Trubel, der dem sonstigen Fest fehlte. Wir beobachteten das Treiben an den Tischen verständnislos aber belustigt bevor wir zum Van zurückliefen, wo uns Onol aufsammelte und zurück in die Stadt fuhr.

Gottesdienst in der Monolgei

Nach diesem Roadtrip ging Flo am folgenden Tag direkt wieder auf Tour, zusammen mit Chris von den Philippinen, der uns bereits auf unserem Roadtrip begleitet hatte. Lisa und ich blieben bei Froit, wo wir – mit Hilfe zweier neuer Radreisenden, die hier aufschlugen – die Visaunterlagen für China ausfüllten und Hotelbuchungen und Flugreservierungen besorgten. Natürlich nur pro forma für die Visa-Beantragung. Wir besuchten einen Gottesdienst und lernten Boldo und seine Frau kennen, die die Gemeinde leiteten, die mit unserer letzten Gemeinde in Eberswalde in Verbindung steht. Obwohl wegen der Sommerflaute wenig los war und der Gottesdienst sehr kurz gehalten wurde, genossen wir die Gemeinschaft hier sehr und freundeten uns u.a. mit Cory aus den Niederlande an, die hier in einem Waisenhaus arbeitet – eine wunderbar herzliche Frau, die witzigerweise auch Froit kannte.

Vorbereitung China-Visum

Am Montag druckten wir, nun wieder in Begleitung Flos, die Buchungsbestätigungen und Visaunterlagen in einem kleinen Copyshop im Keller neben einem Antiquariat voller internationaler Bücher aus. Während Chris die Drucke sortierte, wurden Lisa und Flo nebenan von den unterschiedlichen Buchverkäufern zwischen deren Ständen und Regalen zum Schach-Spielen eingeladen. Als erkannt wurde, dass sie Deutsch sprachen, wurden aus allen Ecken deutsche Bücher herangetragen. Nach vielem Hin und Her nahmen wir letztendlich beim Hinausgehen doch noch einen Reiseführer mit, den wir später bei Froit für andere deutsche Radreisende lassen könnten

„You have to show them, that you are worth it“

Am Dienstag mussten wir dann sehr früh aufstehen, um zum Chinesischen Visa-Center zu fahren. Hier – so sagte man uns – muss man im Zweifelsfall übernachten (!), um eine Nummer zu bekommen(!), um an einem eigentlichen Öffnungstag (Mo, Mi, Fr) überhaupt die Unterlagen abgeben zu dürfen. Wir kamen um 4:45 Uhr an das Konsulatsgebäude, an dessen Seitentür sich bereits eine lange Schlange von über 70 Mongolen reihte. Wir plauderten kurz mit dem ersten in der Reihe, ein Tourist, der uns sagte, er wäre um 4:00 Uhr da gewesen. Wir wussten, dass die Ausländer gesondert hereingeholt werden würden, also eröffneten wir zusammen mit zwei Franzosen auf der anderen Seite der Tür die „Ausländerschlange“. Nach etwas über 5 Stunden warten, in der wir vom Regen trotz Regenjacken, -Hosen und -Überschuhen völlig durchnässt wurden, kamen wir durch die Tür und Sicherheitskontrolle, hinter der wir uns in eine Liste eintragen mussten, bevor man uns zu einem Tisch durchließ, wo unsere Unterlagen erst kontrolliert wurden, bevor man uns überhaupt die Nummer aushändigte. Froh, dieses erste Prozedere hinter uns gebracht zu haben, unternahmen wir noch ein paar Änderungen an den Unterlagen und holten uns noch richtige Flugreservierungen im Reisebüro statt der Fake-Tickets, die wir für die Nummer besorgt hatten. Da wir gleich am nächsten Tag einen Termin für die Abgabe bekommen haben, mussten wir das direkt noch erledigen. Danach konnten wir endlich entspannen und wir machten noch ein vegetarisches Café ausfindig und genossen mit Flo zusammen noch einmal diese Vorzüge der Stadt: Haloumi-Burger!

Kurz nach Sonnenaufgang: Zig Mongolen stehen bereits Schlange und es regnet stundenlang aus Strömen.
Völlig groggy!

Abschiedsschmerz und Abgabewahnsinn

Schließlich mussten wir Flo verabschieden und waren etwas traurig, dass die schöne Zeit zu dritt nun schon wieder vorbei war. Jetzt müssten wir wieder alleine zurecht kommen, ohne jemanden, der uns schöne Ausflüge organisierte und mit Späßen den Tag versüßte. Aber zum Trübsalblasen gab es keine Zeit, da die Unterlagen zum Visa-Center mussten. Wir hatten nicht gedacht, dass wir auch hier noch eineinhalb Stunden auf Einlass warten mussten. Da wir alle Unterlagen komplett hatten (viiiiel Papier) dauerte es zwar eine Weile, aber am Ende konnten wir mit Abholschein und Rechnung, gespannt und doch guter Dinge, wieder davon ziehen. Zur Feier gönnten wir uns ein günstiges Mittagessen in einem sehr guten veganen Restaurant, das wir auf dem Weg zum chinesischen Konsulat schon mehrfach passierten. Echt super! Vegane-Soya-Khushuur – und die schmecken auch noch!

Vegane Mongolische Spezialitäten

Am Abend halfen wir dann noch Froit beim Aufbauen seines größten Zeltes, einer Art Zirkuszelt mit zwei großen Masten. Da es bereits dunkel wurde war es besonders spannend, den Schemen des Riesenzeltes beim Wachsen zu helfen. Wir hauten lange Heringe mit riesigen Hammern in die Erde, verbanden große Planenelemente miteinander, spannten Holzständer in die Plane und hoben sie per Seilzug am Mast entlang in die Luft. Wow! Danach waren wir echt durch…

Zirkuszelt und heiße Quellen

Doch für Pausen gab es keine Zeit. Froit und Odra, seine Frau, eröffneten uns am Morgen darauf ihren Plan, uns zum nächsten Event mitzunehmen, wo es mehrere Zelte aufzustellen galt. Von dort aus würden wir weiter zu heißen Quellen fahren und einige Tage dort verbringen, bevor wir auf dem Rückweg die Zelte abbauen und zurückbringen würden. Da wir bis Montag, dem Tag an dem wir die Pässe wieder abholen durften, nichts zu tun hatten, sagten wir zu, den beiden bei ihrer Arbeit zu helfen. Heiße Quellen hörten sich zudem sehr verlockend an. Wir genossen die Zeit mit der verrückten Familie aus Froit, Odra und dem Enkeltöchterchen Margad, wenn sie auch sehr anstrengend waren – beide: die Zeit und Margad.

Als wir am Donnerstag aufbrachen, zwei Zelte im Gepäck, hatte ich noch nicht verstanden, dass wir die 400 km bis zum Event-Ort nicht an diesem Nachmittag bewältigen würden. Erst, als ich mitten in der Nacht, im Regen und ohne Scheinwerfer auf den mongolischen Straßen Slalom um Schlaglöcher fahren durfte, weil Froit erschöpft war, realisierte ich, dass wir irgendwo im Regen unser Zelt zwischen Bus und Straße aufschlagen müssten. Froit lotste mich noch nach Karakorum hinein zu den mir bekannten Tempelanlagen, doch knapp einhundert Meter bevor wir auf den Parkplatz aufgefahren wären, platzte der Hinterreifen des Benz, mit dem wir unterwegs waren. Nach einer feuchten Nacht auf einer Yakweide neben dem Kloster organisierten Odra und Froit per Taxi einen neuen Mantel und Schlauch für das Auto, während wir beide die fünfjährige Margad bespaßten. Um zirka 11:00 Uhr konnten wir wieder aufbrechen und so von 13:00-15:00 Uhr doch noch rechtzeitig die Zelte auf dem Festgelde aufstellen, wohin sie bestellt waren.

Schaukel, Klapper, Schepper. Hinten kann man liegen, doch…
Wenn man vorne sitzt, weiß man immerhin, wann die Bodenwellen und Löcher kommen.
Froit Vanderharst hat schon wirklich coole Konstruktionen erdacht und angefertigt. Und die meiste Zeit macht es auch Spaß sie mit ihm aufzubauen. Und klein Margad ist immer mitten drin.

Den restlichen und den darauf folgenden Tag verbrachten wir schließlich in den heißen Pools eines der sechs Resorts, die sich das 90 Grad vulkanisch-heiße Quellwasser aus den Bergen südlich von Tsetserleg teilten. Wir übernachteten in einem von Froits kleinen Zelten (das immernoch riesengroß ist) und machten auch einen Spaziergang mit Froit durch die blütenreichen Bergwiesen zwischen den Lärchenwäldern, aßen Walderdbeeren und fanden jede Menge Orchideen, Pilze und Edelweiß.

Für den double-rainbow, that startet to look like a triple-rainbow, kam ich mit der Kamera leider zu spät.

Zirkusvorstellung und Chinavisum

Auf dem Rückweg kehrten wir in Tsetserleg in ein Gasthaus ein, gönnten uns enttäuschend fade vegetarische Burger und Lasagne, brachen – nach einem plötzlichen Sturm – die Zelte auf dem Festgelände ab und genossen noch eine Zirkusvorstellung auf dem Fest. Das tatsächliche Zirkuszelt mit festem Stahlgerüst im Mittelteil, das im Sturm ebenfalls nochmal nachgespannt wurde, faszinierte Froit und es war schön ihn beim Fachsimpeln zuzusehen. Insgesamt erinnert er uns mit seiner Art sehr an Chris Papa und wir verstehen uns sehr gut. Nur leider ist er beim Arbeiten manchmal sehr bissig und ungeduldig. So hat jeder seine Macken. Man darfs halt nicht persönlich nehmen. 😉 Jetzt sind wir ihm auf jeden Fall sehr dankbar, dass er uns – nach einer weitern feucht-windigen Nacht am Straßenrand – doch noch rechtzeitig nach Ulan-Bator zurückgebracht hat, um unsere Pässe im Visacenter abzuholen. Und siehe da:
Wir haben ein 60 Tage-Visum bekommen! Juhu!

Jetzt können wir weiterplanen. Und müssen wir auch – wir haben bisher Null Idee, wie wir ab jetzt weiterreisen wollen. Mit dem Rad zur Grenze? Mit dem Zug bis Peking? Das steht jetzt an. Es bleibt also spannend!

Wir hoffen ihr habt diesen ellenlangen Zwischenbericht unsererseits genießen können. Da wirklich viiiiel Zeit vergangen ist und wir sehr viel erlebt haben, ist vielleicht einiges durcheinandergekommen. Wir versuchen jetzt öfter kurze Blogeinträge zu verfassen und hochzuladen. So ist es für uns auch weniger schwierig. Bleibt nur die Frage, wann wir das unterwegs am besten hinkriegen. Aber ihr werdet es dann ja sehen 🙂

Liebe Grüße von uns beiden aus Ulan Bator und auf ein baldiges Wiederlesen!
Chris&Lisa

Froits verrückte weiße Katze mit dem gelben und dem blauen Auge braucht viiiiel Aufmerksamkeit. Deshalb hat es mit em Blog sooo lange gedauert. Nur deshalb 😉

2 Antworten auf „Baikal – Buryatien – Mongolei“

  1. Hi ihr Zwei,
    was für ein spannender Bericht, versehen mit vielen tollen Bildern! Ich bin in Gedanken bei eurer Reise dabei und wünsche dafür weiterhin alles Gute. Bleibt fit, gesund und so offenherzig wie bisher, damit ihr noch viele gute Erfahrungen sammeln könnt.
    Grüße aus Ravensburg von Marie-Luise

  2. Ich hoffe sehr stark, dass ihr euren Fahrrädern Namen gegeben habt! Sonst müsstet ihr ja die ganze Zeit miteinander reden und wie langweilig ist das denn? Ihr könnt natürlich auch mit den namenslosen Fahrrädern reden, aber da würde ich mir total bescheuert vorkommen. Wenn die Dinger Namen haben, ist das alles kein Problem. 😀
    (Ihr habt da außerdem ein ziemlich geiles Teil am Laufen. Viel Spaß weiterhin und passt ja gut auf euch auf!)
    Kitschig liebe Grüße <3

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